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Die Burg von Neustadt-Glewe

Mit Sicherheit können wir sagen, dass unsere Burg das älteste noch existierende weltliche Gebäude unserer Stadt und ganz Mecklenburgs ist. Mitte des 13. Jahrhunderts ( Ersterwähnung 1331 ) wurde die Burg als Wehranlage in ihren Anfängen von den Grafen von Schwerin zur militärischen und verwaltungsmäßigen Absicherung des süd - und südöstlichen Teils ihrer Grafschaft errichtet. Diese Maßnahme ergab sich aus der territorialen Aufteilung des Landes Mecklenburg zwischen 1250 und 1300. Bereits 1248 wird Neustadt-Glewe1) urkundlich erwähnt.

 

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Zwei Grafschaften, die der Grafen von Schwerin und Dannenberg stießen hier im Eldebogen aneinander. Außerdem überschnitten sich seitens der Kirche hier die Bistümer Havelberg, Ratzeburg, Dannenberg und Schwerin bzw. stießen aneinander. Errichtet wurde die Anlage auf einer Eldeinsel, auf der sich eine natürliche Düne befand. Die rechteckig angelegte Burg, ca. 50 mal 35 Meter, wird von einer mächtigen Ringmauer, die das sogenannte Alte und Neue Haus, in Richtung Elde das Haupttor und den viergeschossigen Burgturm umfasst. Die Tür- und Toröffnungen in der gegenüberliegenden Ringmauer wurden später eingefügt, als die Burg bereits ihre Wehrfunktion eingebüßt hatte.

 

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Die militärischen und verwaltungstechnischen Erwägungen hatten gegenüber allen anderen den Vorrang. Daher ist es verständlich, dass der Wehrturm und der Bergfrit mit den Wehrgängen besonders stark hervortreten. Die Schießöffnungen im zweiten Obergeschoss des Turmes sind durch eine obere und untere Reihe so angelegt, dass eine Nahverteidigung ebenso möglich war wie der Fernschuss. Der tiefste Raum ist das Verlies. Es ist nur durch eine Deckenluke zu erreichen. Zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss waren in die meterdicken Umfassungsmauern zwei Zellen eingearbeitet, die um 1950 einem nachträglichen Treppeneinbau zum Opfer fielen.

 

Das oberste Stockwerk wird landläufig als Rittersaal bezeichnet. Es wurde erst im 16. Jahrhundert aufgesetzt und wurde für Wohnzwecke genutzt. Die großen Vorhangfenster mit ihrer gotischen Bogenführung geben den Blick frei über die ganze Stadt und auf den Kietz2) der sich stadtauswärts an die Burganlage anschließt. Im so genannten Alten Haus wohnten die Burgvögte und die Bediensteten, die für das leibliche Wohl der Burgbewohner zu sorgen hatten. Hier befanden sich eine Brau - und Backstube, eine Küche und eine Wollstube sowie Vorratsräume und ein Malzboden im Obergeschoss.


Der Wehrgang, der früher die Verbindung zwischen dem Burgturm und dem Alten Haus herstellte, wurde nach dem letzten Brand nicht wieder hergestellt. Auf vielfältige Art und Weise wurde das Alte Haus nach der Übername der Burg durch die Stadt genutzt. Es war u.a. in den Anfangsjahren Domizil für das neugegründete Technikum (von 1882 bis zum Neubau des Technikumgebäudes im Herbst 1890), Schule, Wohngebäude, Lager und Jugendherberge.


Nach der Wende, genauer im Jahre 1993, begann die Stadt mit der Unterstützung von Land und Bund mit der Sanierung der gesamten Burganlage. Dabei kam es leider am 24.Januar 2002 zum Einsturz des Alten Hauses, dessen Wiedererrichtung 2005 in Angriff genommen wurde. Das ihm gegenüberliegende Gebäude wurde erstmalig 1576 als Neues Haus3) bezeichnet. Es war Wohnstatt der Herzöge, wenn sich der Hofstaat in Neustadt aufhielt.

 

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Mit dem Beginn der Sanierung brachte die umsichtige Untersuchung des Mauerwerks nicht nur den etappenweisen Erweiterungsbau am Neuen Haus zutage, sondern Reste mehrerer mittelalterlicher Bemalungen, ursprünglichen Fenster - und Türöffnungen, ja sogar die Dübel der ehemaligen Wandbespannung. Von besonderem Interesse war die Entdeckung einer alten mittelalterlichen Warmluftheizung4). Die Nutzung des Neuen Hauses nahm nach der Aufgabe der herzoglichen Wohnung ihren Niedergang: zunächst Marstall, dann Lagerräume, Schuppen und Stallungen. Bis 1954 war es Hengstdepot des Gestüts Redefin.


Auch Wohnungen waren hier untergebracht und Mitte der achtziger Jahre begannen Jugendliche aus Neustadt, sich hier unter Regie der Stadt eigene Räume herzurichten. Heute sind dort nach einer komplexen Rekonstruktion im unteren Bereich ein Multifunktionalraum und in der darüber liegenden Etage das Museum untergebracht. Das Obergeschoss erhielt anstelle des ursprünglichen Windelsteins (der Außentreppe) den Zugang zum Neuen Haus über einen "modernen Windelstein" mit gläserner Verkleidung.


Legende


1) Neustadt-Glewe
Am 27. September 1248 stellt Graf Gunzelin von Schwerin eine Urkunde "apud Novam Civitatem" aus (MUB 612). Das ist die erste urkundliche Erwähnung unserer Stadt Neustadt. 1253 wird in einem Schreiben der Grafen Bernhard und Adolf von Dannenberg an die Stadt Lübeck unsere Neustadt erstmalig als "Nova Civitas Chlewa" also "Neustadt - Glewe" genannt (MUB 718). Im Laufe der Jahrhunderte wechselte unsere Stadt, selbstverständlich unter Beibehaltung des Grundwortes, seinen Namen. Seit 1926 sind wir wieder bei unserem alten Doppelnamen.

2) Kietz
Der Kietz wird urkundlich 1407 und 1576 erwähnt. Es handelt sich hierbei um Dienstleistungssiedlungen an Burgen. Dabei unterscheiden wir die Kietze der Fischer und Bauernkietze. Bei uns handelte es sich um einen Fischerkietz (Es wohnten dort 14 Fischerkerle), deren Bewohner nebenbei Landwirtschaft betrieben, in ihren Gärten Hopfen anbauten und die Lewitz zur Heugewinnung nutzten. Dieses Heu verkauften sie. Obwohl die Kietzbewohner recht arm waren, waren sie bis 1934 eine selbständige Landgemeinde. Sie hatten bis dahin ein eigenes Dorfparlament und einen Dorfschulzen, obwohl der Kietz der Lage nach längst im Stadtbild aufgegangen war.

3) Neues Haus
Während noch 1592 eine Inventur eine Schlichtheit dokumentiert, die uns kaum an eine herzogliche Wohnung erinnert, sieht es rund 120 Jahre später anders aus. Im Inventar von 1714 lesen wir: "Ihro hochfürstl. Durchl. Des Herrn Hertzogen Logiment ist mit blau-orange-gelbem und weiß geflammtem Atlas ausgeschlagen. Der Eßsaal ist mit buntgeflammten und gestreiften wollenen Tapeten ausgeschlagen. In der Herzogin antichambre (sind) die Wände mit Goldleder ausgeschlagen, über der Tür ein kleines Gemälde von einer Dame mit Pferd. Im Cabinett (sind) die Wände mit gelber gestreifter brocatelle ausgeschlagen." Diese Ausstattung entspricht schon eher der eines Fürstenschlosses.

4) Mittelalterliche Warmluftheizung
Entdeckung:     
Während archäologischer Grabungsaktivitäten im Zuge der Sanierung des "Neuen Hauses" der Burg wurden 1995 Reste einer mittelalterlichen Warmluftheizung entdeckt.


Datierung:   
 
Aufgrund stratigraphischer Bezüge und Mauerwerksbefunde wird die Heizung auf die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert.


Funktionsweise:     

In einer Brennkammer wurde ein Feuer entfacht. Dazu wurde meist rußarme Holzkohle verwendet, wobei der Rauch durch einen Schornsteinanschluss abgeleitet wurde. War die gewünschte Temperatur erreicht, wurde die Glut mit einer Scharre entfernt und die Schornstein- und Feuerungsöffnung verschlossen. Im Fußboden des darüber liegenden Raumes wurden nun je nach Wunsch Auslassöffnungen für die Heizluft geöffnet. Als zusätzliche Wärmespeicher wurden Findlingssteinpackungen auf gemauerten Gewölbesockeln zwischen Brennkammer und Fußboden gelegt. Dadurch war der erzielte Heizeffekt optimaler. Die Überreste der Warmluftheizung sind durch eine Revisionsöffnung für den Besucher sichtbar erhalten und werden bei Führungen gezeigt.